Tiny Houses und EnEV 2016

Wer heute ein großes oder kleines Haus baut oder bauen lässt, sollte jetzt bereits an morgen denken.

Energie- und Klimaziele

Eine der wohl wichtigsten rechtlichen Vorgaben dazu stellt die Energieeinsparverordnung (kurz: EnEV) dar. Damit hat die Bundesregierung eine EU-Richtlinie in nationales Recht umgesetzt, die als wichtiges Instrument der deutschen Energie- und Klimaschutzpolitik dazu beitragen soll, dass die Klimaziele erreicht werden können. Ganz nebenbei: In Österreich und in der Schweiz gelten vergleichbare Verordnungen. Gemäß O-Ton der deutschen Bundesregierung soll die EnEV „dazu beitragen, dass die energiepolitischen Ziele der Bundesregierung, insbesondere ein nahezu klimaneutraler Gebäudebestand bis zum Jahr 2050, erreicht werden“.

Diese Verordnung schreibt die Effizienzanforderungen beim Bau der eigenen vier Wände vor. Bauherren müssen sich an einen maximalen Primärenergiebedarf halten. Und auch der zulässige Wärmeverlust durch Fenster, Türen und Wände ist gesetzlich geregelt. Damit sich Klimaschutz und Energiekosteneinsparungen in den nächsten Jahrzehnten weiterentwickeln können, wird die EnEV in bestimmten Zeitabständen novelliert. Seit Januar 2016 gilt die EnEV2016 als Novelle der ursprünglichen EnEV2014. Die reduziert den Primärenergiebedarf für Wohngebäude gegenüber dem Vorläufer EnEV2014 noch einmal deutlich. Die Anforderungen an die Gesamtenergieeffizienz wurden dafür um 25 Prozent und an die Gebäudehülle um durchschnittlich 20 Prozent erhöht. Das entspricht dem Niveau eines KfW-Effizienzhauses 70, was wiederum einem 30 % geringeren Primärenergiebedarf gegenüber einem Referenzhaus gemäß EnEV bedeutet und der Energiebedarf durch erneuerbare Energien gedeckt werden soll.

Ökologie, Umweltschutz und Nachhaltigkeit

Gerade bei Tiny Houses werden Ökologie und Nachhaltigkeit besonders hochgehalten. Immer mehr Fachleute bezweifeln allerdings, dass Tiny Houses allein aufgrund ihrer geringen Größe eine energetisch nachhaltigere Alternative zu massiven Häusern darstellen. Die EnEV ist dafür eine entscheidende Messlatte, ob der Primärenergiebedarf eines Minihauses auch tatsächlich geringer ist. Will man den allgemeinen Werbeversprechen von Tiny House-Herstellern glauben, dann dürften ja alle per se umweltfreundlich sein, nur weil sie das Zauberwort „Tiny House“ erwähnen. Die EnEV kann also übliche Sprücheklopfer von seriösen und ernsthaft auf Nachhaltigkeit ausgelegten Herstellern unterscheiden helfen.

So ist für jeden Neubau eines Wohngebäude grundsätzlich ein Wärmeschutznachweis gemäß EnEV2016 bereits bei Beantragung der Baugenehmigung nachzuweisen. Ausnahmen gibt es nur für Anbauten oder Dachausbauten sowie Ferienhäuser, wenn sie weniger als drei Monate pro Jahr genutzt werden. Aussagen, wonach generell kein Wärmeschutznachweis für Bauvorhaben mit weniger als 50 m2 erforderlich sind, entsprechen nicht den baurechtlichen Vorgaben.

Während die ältere Version EnEV 2014 vornehmlich Dämmwerte für Wände, Decken und Fenster (sogenannte U-Werte) vorgegeben hat, geht die EnEV 2016 wesentlich weiter und behandelt auch wesentliche Komponenten wie Raumklima oder die Nutzung von erneuerbaren Energien.

Für Tiny Houses ist das Raumklima von ganz besonderer Bedeutung, weil das geringe Raumvolumen ohne technische Lösungen faktisch nicht in der Lage ist, die aufkommenden Wassermengen, die durch Kochen, Duschen, Pflanzen und durch die im Tiny House lebenden Menschen entstehen können, aufzunehmen. Die Konsequenz kann Kondenswasser und danach Schimmel sein (siehe auch „Schimmelgefahr im Tiny House„). Ein Tiny House ohne konsequente, technische Lösung für dieses Problem kann also kaum die EnEV2016 erfüllen.
Auch die Nutzung erneuerbarer Energien ist eine wesentliche Voraussetzung für die Zertifizierung, die wir z.B. durch eine Biomasse-Heizung oder eine Solarthermie-Anlage umfassend erfüllen können.

Üblicherweise erstellt der zuständige Baustatiker auch gleich die Wärmeschutzberechnung gemäß EnEV 2016. Allerdings wird für ein „Tiny House on Wheels“ ein Karosseriestatiker benötigt, der die Stabilität des Hauses auch bei 80 km/h auf der Straße berechnen kann. Die EnEV gilt aber nicht für Fahrzeuge, weshalb der Karosseriestatiker auch die Wärmeschutzberechnung nicht erstellen kann. Erforderlich ist jetzt z.B. ein Ingenieursbüro, das als Energieberater zugelassen ist und diese Berechnung erstellen darf. Das mag aufwendig klingen, garantiert aber dem Bauherrn, dass sein Haus auch langfristig wertstabil bleibt und auch künftig einen hohen Wiederverkaufswert ermöglicht. Für Tiny Houses gilt dies in besonderem Maße, weil Häuser ohne nachhaltige Nachweise künftig kaum noch erklägliche Wiederverkaufspreise erzielen könnten. Bereits heute findet man auf Plattformen wie Ebay-Kleinanzeigen zum Teil nagelneue Tiny House, die angeblich „umständehalber“ oder „wegen urplötzlichem Schicksalsschlag“ verkauft werden müssen. Allerdings fehlen in aller Regel Hinweise wie z.B. „baugnehmigungsfähig“, „mit Karosseriestatik“ oder „umwelt-zertifiziert nach EnEV2016“. Nur: Wer verkauft ein nagelneues Haus, das er gerade eben für viele zigtausend Euros erworben hat und erwähnt nicht, was das Haus alles hat und kann?

Warnung vor Scharlatanen

Eine Zertifizierung gemäß EnEV2016 ist also nicht nur Pflicht sondern es darf auch mit Fug und Recht als werterhaltende Umwelt-Zertifizierung angesehen werden, die insbesondere die Nachhaltigkeit eines Tiny House unterstreicht. Eine Zertifizierung gemäß EnEV2016 darf allerdings nicht mit verkaufstechnischen Behauptungen wie „EnEV-konform“ oder „gebaut nach EnEV“ verwechselt werden, wie es hier und da von zwielichtigen Verkäufern angeführt wird.

Wir meinen, dass es wenig mit ernstzunehmendem Umweltschutz und Nachhaltigkeit zu tun hat, wenn lediglich Hintertüren zur Verkaufsförderung genutzt werden, die letztendlich zum Nachteil des Tiny-House-Käufers gereichen können. Als Nachweis gilt grundsätzlich nur die Zertifizierung durch einen staatlich zugelassenen Energieberater für Ihr speziell konfiguriertes Tiny House.

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